Dolimiten Apacheta

Indigene Wurzeln in Europa

Gleich zu Beginn des Jahres durften wir eine spirituelle Bewegung in den Dolomiten kennenlernen, eine wiedererwachte mythisch-schamanische Tradition „Wayna Fanes (Quechua: Junge Fanes), der siebenfache Weg des kristallenen Herzens“ – gegründet von der Medizinfrau, zeremoniellen Künstlerin und Autorin Waltraud Hönes.

Im Zuge der fortschreitenden Patriarchalisierung, die vor ca. 5000 Jahren in Europa begann, zogen sich friedliebende und im Einklang mit der Natur lebende Völker nach und nach in geschützte und verborgene Winkel Europas zurück. Ein Beispiel ist das Donautal, aber auch die Hochalpen, wie z.B. die Dolomiten. Dort haben sich heidnische mythische Rituale und Erzählungen teilweise bis in die letzten Jahrhunderte erhalten – im Gegensatz zu den meisten anderen Teilen Europas, wo die Spuren alter indigener Kulturen unserer Vorfahren längst überschichtet und verdeckt sind.

Der Mythos von Fanes

Waltraud Hönes wurde nach ihrer schamanischen Ausbildung in der peruanischen Andentradition, die noch eine intakte Übertragungslinie aufweist, von ihrem Lehrer beauftragt, den Mythos von Fanes, eine mit ihrem stark weiblichen Charakter ungewöhnliche europäische Übertragungslinie, wieder zum Leben zu erwecken und so eine Verbindung zu unseren indigenen Wurzeln wiederherzustellen. „Es ist der Mythos vom in der Erde verschwundenen unvergleichlich strahlenden Stein, der erst wiederkehren und heilbringend wirken kann, wenn unser Herz kristallklar geworden ist“, erklärt uns Waltraud.  Im Zentrum der Praxis in der Wayna Fanes-Tradition steht „Ayni“, das Prinzip heiliger Wechselseitigkeit und das Heilen unserer Beziehung zu Mutter Erde durch Dankbarkeit, Gebensrituale und das Gestalten von Schönheit, die unser Herz berührt und öffnet.

Drei Tage lang durften wir Teil der Wayna Fanes sein und zwei ihrer heiligen Orte besuchen, an denen sie kleine Steinschreine als Akupunkturpunkte des Lichts in der Landschaft in und um das Gebiet von Fanes errichteten und fortlaufen pflegen. Insgesamt gibt es inzwischen ein Netzwerk von über 120 solcher heiliger Orte, die regelmäßig besucht werden – ein richtiges Kraftortgeflecht. In einem Ritual fütterten und verzierten wir die Schreine mit Blumen, Blattgold, Kräutern etc., um unsere Wertschätzung und Dankbarkeit für Mutter Erde zum Ausdruck zu bringen für all das, was sie uns ständig gibt. Waltraud teilte mit uns einige Erzählungen aus dem Mythos und wir bekamen ein Gefühl dafür, wie unterstützend ein Mythos für die Lebenspraxis und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sein kann, wie z.B. die des damaligen Fanes-Reiches. Er erzählt von unserem Ursprung und unserer Bestimmung und wirkt auf diese Weise. Die gemeinsame Ausrichtung und die enthaltenen Lehren und Symbole bilden auf archetypische Weise unsere menschlichen Stärken und Schwächen ab und zeigen uns auf, wie wir immer weiter lernen und über unsere Grenzen hinauswachsen können.

Die Mesa

Das zentrale Element der spirituellen Praxis der Wayna Fanes ist ihre Mesa (span. Tisch), ein ca. 50-50cm großes Tuch, auf dem jedes Mitglied seinen inneren Kosmos nach dem Abbild des großen Kosmos abbildet. Im Süden steht Mutter Erde, im Westen der Mond, im Norden das Göttliche, im Osten die Sonne und im Zentrum der Regenbogen, der für Transformation steht – im persönlichen, aber auch im kollektiven Sinn. Nach und nach füllt sich die Mesa mit Steinen, Federn und anderen kleinen Schätzen von Pilgerschaften durch die heilige Landschaft; so wird die Mesa immer mehr zu einem Geflecht von persönlichen Erfahrungen und unserer Beziehung mit der lebendigen Erde.

In der Mitte unseres zeremoniellen Raumes bildeten mehrere Mitglieder der Gruppe in feinster Kleinarbeit über zwei volle Tage hinweg auf einer großen zentralen Mesa mit Kristallen und farbigen Steinen die Kosmologie des Mythos von Fanes ab, so wie Waltraud ihn in ihrer Vorbereitung auf das gemeinsame Wochenende empfangen und gezeichnet hatte. „Jedes Mal sieht das Muster anders aus, je nachdem, welche Aspekte gerade zum Vorschein kommen wollen“, erklärte uns Waltraud. Diese Detailarbeit erfordert höchstes Geschick und tiefe Hingabe. Wir durften als Gäste den Raum erst betreten als alles an seinem Platz war. Wie kleine Kinder am Weihnachtsabend warteten wir gespannt auf „die Bescherung“ – und was wir sahen übertraf jede Erwartung. Wir wurden in den Raum eingeladen und waren schier überwältigt von all der Schönheit und der unermesslichen Liebe und Hingabe, die in dieses Werk geflossen waren und die sie jetzt ausstrahlte. Das Weltgewebe-Muster aus Kristallen und farbigen Steinen, die den Regenbogenweg in das verwirklichte, kristallene Herz abbildeten, stand im Zentrum unserer Rituale und hatte eine spürbare transformative Wirkung.

Inspiration und Verbundenheit

Für uns war es sehr berührend, dass wir so viel Resonanz und Parallelen zu unserem Wirken spürten: die Entfaltung des Herzens und die Erinnerung an das strahlende Licht unseres Seins sind auch die Ziele der Wayna Fanes.

Reich beschenkt mit vielen Eindrücken und unseren eigenen Mesas kehrten wir dankbar und voller Inspirationen zurück nach Deutschland. Wir wurden uns noch bewusster, wie wichtig es ist, Mutter Erde fortlaufend zu ehren und ihr immer wieder Geschenke, energetisch oder materiell, zu geben, um das Gleichgewicht des Lebens wiederherzustellen und zu erhalten. Bestimmt war das nicht unser letzter Besuch in Fanes. Und einen Platz für eine kleine Steinpyramide im Garten haben wir auch schon gefunden…

– Text von Tanja Kaller 
– Titelbild von Thomas Schäfer