beginnt in unseren Herzen
– ein Bericht von Dr. Tanja Kaller
Wir starteten früh an diesem klaren, sonnigen Septembermorgen. Endlich wollten Roland Nyanabodhi und ich unsere Geburtstagsgutscheine für eine Rundfahrt auf die Zugspitze, die wir von unserem Dorf aus immer wieder deutlich sehen können, einlösen. Wir wählten einen Wochentag außerhalb der Ferien in der Hoffnung, dass sich der Andrang in Grenzen hielt und wir ein ruhiges Fleckchen finden konnten, um diesem kraftvollen Berg zum ersten Mal in unserem Leben aus nächster Nähe zu begegnen.
Auch die Zugspitze mit dem an seinem Fuße liegenden Eibsee ist ein Ort, der vom „Übertourismus“ der Alpen betroffen ist. Dank unserer frühen Ankunft, ergatterten wir einen der letzten Parkplätze in der Nähe der Seilbahn. Liebend gern hätten wir uns der Zugspitze langsam pilgernd angenähert, was aber aufgrund unserer Knie leider nicht (mehr) möglich ist. So ließen wir uns auf die Seilbahnfahrt mit ca. 120 Fahrgästen ein und staunten nicht schlecht, während wir die 1945 Höhenmeter in ca. 10min in einer Steilfahrt erklommen. Die Sicht war phänomenal. Der Starnberger See, München und sogar unser Heimatdorf waren durch das Fernglas sichtbar. Ebenso entging uns die weiße Umrandung des Eibsees nicht, was seinen niedrigen Wasserstand mahnend andeutete.
Begegnung mit einem sterbenden Gletscher
Auf der anderen Seite des Gipfels konnten wir mit der „Gletscherbahn“ auf das ca. 400m tiefer liegende Gletscherfeld und Skigebiet hinabfahren. Unser Ziel war es die Atmosphäre auf der Zugspitze zu erspüren und in Kontakt mit dem höchsten Berg Deutschlands zu gehen. Wir hatten auch ein kleines Gastgeschenk mitgebracht, denn wir wollten nicht einfach konsumieren und uns von der kraftvollen Berglandschaft aufladen lassen ohne etwas zurückzugeben. „Heiliger Austausch“ wird das z.B. in der indigenen Andentradition genannt, um ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen herzustellen.
So stiegen wir in die Gletscherbahn ein und blickten auf das Gletscherfeld. Wir erblickten das, was noch von dem einst gewaltigen Gletscher mit zwei Ausläufern (Nördlicher und südlicher Schneeferner) übrig war: ein kleiner Überrest des nördlichen Schneeferners, umgeben von einer gewaltigen Mondlandschaft. Uns beide durchdrang ein Gefühl der tiefen Trauer, ein Schmerz, dem wir uns nicht entziehen konnten, obwohl es doch keine Überraschung war, dass wir uns inmitten einer monumentalen Klimaveränderung befinden und wir wissen, dass das Eis der Erde fortlaufend am Abschmelzen ist. Es war die Unmittelbarkeit des persönlichen Erlebens, das tief in unser Herz drang. Ja, dieser Schmerz, diese Trauer über den sterbenden Gletscher, war zutiefst unangenehm.
Blitzschnell machten sich subtile innere Tendenzen bemerkbar, sich abschotten, ablenken und das Thema wegrationalisieren zu wollen. Wir entschieden uns aber bewusst dafür, DA zu bleiben, uns dem Gletscher weiter anzunähern und uns auf dieses Gefühl einzulassen.
Vom Schmerz in die Verbundenheit
Als „Gastgeschenk“ hatten wir Blütenwasser und Blattgold mitgebracht. Wir fanden ein Plätzchen an einer seitlichen Steilwand des Gletschers fern der Menschenmassen und verweilten an einem glatten Felsen, den die Kraft des Gletschers über viele Jahrtausende geformt hatte. Nach einer kurzen Pause stimmten wir in eine kleine Dankes- und Vergebungszeremonie ein und übergaben dem Gletscherfelsen das mitgebrachte Blattgold.
Roland stieg zudem in die unmittelbare Nähe des Gletschers ab und lauschte dem Plätschern des abfließenden Schmelzwassers. Ich setze mich nieder und ließ mich auf diese Art noch einmal ganz auf das Wesen des schwindenden Gletschers ein. In dieser Präsenz, im Eintauchen in einen Schmerz der Veränderung, im Wissen um die Verantwortung, die wir persönlich und als Menschheit (mit)tragen, kam eine noch stärkere Kraft zum Vorschein: ein Berührtsein angesichts der tiefen Verbindung, die wir mit dem Gletscher und den Bergen spürten. Eine Liebe, die keinen Zweifel darüber lässt, dass wir in etwas Größeres eingeflochten sind. Eine spürbare Resonanz eines Lebensnetzes, das uns zuflüstert, dass wir auch ein Teil des Gletschers sind und es keine Trennung zwischen uns Menschen und der lebendigen Welt gibt, in die wir eingebettet und mit der wir verwoben sind.
Das Geschenk der Transformation
In diesem Schmerz über die Zerstörung und den Verlust von intakten Ökosystemen, der Vielfalt der Arten oder auch unserer Lebensgrundlagen (auch bekannt als „Eco grief“, ökologische Trauer) macht sich oft auch ein Gefühl der Ohnmacht angesichts des gewaltigen Ausmaßes und der unvorhersehbaren Konsequenzen dieses Verlusts breit. Auch Zukunftsängste können in uns aufsteigen. Und gleichzeitig erlebten wir, wie im Annehmen dieses Schmerzes auch etwas Heilsames und Grundlegendes zum Vorschein kommen kann. Wir wurden durch die Begegnung mit dem sterbenden Gletscher zum Ausgangspunkt jeglicher Transformation geführt: in unser Herz. Dies so unmittelbar spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk. So ein Erleben kann auch unsere Motivation weiter stärken, uns für das Heilsame einzusetzen: die Öffnung unserer Herzen und die Erweiterung unseres Bewusstseins.
Denn immer wenn wir uns fragen, was eine wirkliche Transformation bedingt, dann erinnern wir uns daran, was auch der Buddha sagte: vom Geist geführt die Dinge sind. Transformation fängt also in unserem Innersten an: in unserem Herz-Geist. Daraus entstehen dann heilsame Worte und heilsame Handlungen aus Liebe zum Leben und im Einklang mit unseren Mitwesen. Gerade in einer Welt, die oft nur auf der Handlungsebene ansetzt ohne die dahinter liegenden Strukturen zu hinterfragen, ist dies eine hilfreiche Erinnerung.
Wenn wir uns also für die kaum noch zu übersehenden Auswirkungen menschlicher Aktivität öffnen – und dies freilich mit Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl in einer feinen Balance halten – und so unsere Herzen für unsere Lebensheimat oder auch die Lebendigkeit der Erde öffnen, deren integraler Teil wir sind, finden in uns erste Schritte einer tiefgreifenden Bewusstseinserweiterung statt. Vielleicht interessieren wir uns nun auch immer mehr für die Vielfalt menschlicher Weltbilder und Kosmologien, in der wir Menschen nicht als Herrscher, sondern als Hüter eines Gleichgewichts agieren. Weltbilder, in denen die Verbundenheit aller Lebewesen im Mittelpunkt steht und wir uns wieder für die feinstofflichen und unsichtbaren Bestandteile unserer Welt öffnen. Das sind alles Möglichkeiten, zu denen uns insbesondere indigene Kulturen inspirieren können.
(Wieder-) Verbindung mit unseren Wurzeln
Und das Erhebende ist, dass wir auch in Europa indigene Wurzeln haben, zu denen wir auch heute noch eine Verbindung herstellen können. Wir berichteten von der tiefgreifenden Arbeit von Sabine Lichtenfels zum Steinkreis von Evora und Tamera in Portugal und von unseren eigenen Forschungsreisen zu den Ureinwohnern La Palma‘s und den Steinzeit- und Megalithkulturen im heutigen Frankreich.
Und auch in den Alpen gibt es die neu-belebte Tradition von Fanes, die Wayna Fanes (jungen Fanes), die an das Erbe unserer europäischen Vorfahren anknüpfen und in einer Kosmologie des herzbasierten Handelns im Gleichgewicht von Geben und Nehmen, des Zusammenwirkens mit unsichtbaren Kräften und der planetaren Zyklen leben. Auf diese Weise werden wir wieder ganz bewusst zu dem, was wir ohnehin sind: Teil des großen Lebensgefüges. Je mehr wir eintauchen in dieses Gefühl der Resonanz, des Lauschens, des Einklangs, desto mehr können wir auch unsere Aufgabe und Rolle als Menschen (wieder)entdecken und unsere wunderbaren Gaben und unser großes menschliches Potenzial im Sinne des Friedens und des Gleichgewichts des Lebens zum Ausdruck bringen.
An der diesjährigen Tagundnachtgleiche, am 23. September, haben wir uns den Wayna Fanes angeschlossen, um in der Gebirgslandschaft von Fanes in den Dolomiten an ihren zentralen heiligen Orten eine planetare Zeremonie durchzuführen und so auf diese Art die Kraft der Transformation in uns und auf der Welt zu stärken. Im Folgenden wollen wir Bilder sprechen lassen. Die Sprache des Herzens zeigt sich vor allem auch durch die Schönheit und Fülle des Lebens:
So waren die letzten Wochen besonders inspirierend für unser Wirken mit der Schule des Herzens. Genau darum geht es ja in unseren Veranstaltungen: gemeinsam unser Herz zu öffnen, das Bewusstsein zu erweitern und Räume zu schaffen für Transformation hin zu einem Leben in Frieden und im Einklang mit unseren Mitwesen als Teil der lebendigen Erde.
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